4. 6. 26, Bergen/Hamburg — Die Wissenschaftler:innen der heute endenden Greenpeace “Deep Arctic Expedition” erwarten, mehrere bislang unbekannte Arten entdeckt zu haben. Während der vierwöchigen Forschungsreise zu Tiefseeökosystemen wie Seebergen und hydrothermalen Quellen am Mohns Ridge zwischen Grönland und Norwegen führte das internationale Team mit einem Tiefseeroboter (ROV) 16 Taucheinsätze entlang von 34 Untersuchungslinien (Transekten) in bis zu 3000 Meter Tiefe durch. Dabei kamen über 100 Stunden Videoaufzeichnungen zusammen. Neben den hochauflösenden Aufnahmen sammelte das ROV zusätzlich Gewebeproben von wirbellosen Tieren sowie Sediment- und Wasserproben. Das Forschungsmaterial wird in den kommenden Wochen analysiert. Bereits jetzt geht das wissenschaftliche Team davon aus, mehrere neue Arten - etwa Schwämme und Krebstiere - entdeckt zu haben. Sie können Hinweise geben auf genetische Vernetzungen und das Zusammenleben in der Tiefsee.
Unter den mehr als 400 gesammelten Schwammproben haben wir während dieser Expedition mindestens drei potenziell neue Arten identifiziert. Schwämme gibt es seit mehr als 500 Millionen Jahren, und sie haben ihre eigenen Abwehrstoffe entwickelt, um Raubtiere und Krankheitserreger abzuwehren. Daher könnten in den chemischen Verbindungen der Tiefseearten auch die Schlüssel zur Heilung aktueller und künftig auftretender Krankheiten liegen.Dr. Paco Cárdenas, Tiefseeschwamm-Experte am Museum für Evolution der Universität Uppsala
Wir konnten Proben an einem bislang unerforschten Seeberg nehmen und zahlreiche Arten und Ökosysteme – wie Bambuskorallen und Schwammgärten – erstmals in hoher Auflösung filmen. Damit liefern wir Material, nach dem die weltweite Forschungsgemeinschaft seit Langem sucht. Von der detaillierten Analyse erwarte ich mir Einblicke in diese Welt von überwältigender Biodiversität und darüber, wie diese Lebewesen vernetzt sind und sich verbreiten. Auch bei den Amphipoden - Flohkrebsen - glauben wir, auf vier neue Arten gestoßen zu sein. In den kommenden Monaten werden wir diese genauer beschreiben und benennen.Dr. Anne-Nina Lörz von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung,
Mit den neuen Erkenntnissen der Expedition macht Greenpeace auf die empfindlichen Ökosysteme der Tiefsee aufmerksam. Teile des Forschungsgebiets sollten sowohl unter internationaler (UN-Hochseeschutzabkommen) als auch nationaler Gesetzgebung (neues norwegisches Meeresschutzgesetz) unter Schutz gestellt werden. Weiter fordert Greenpeace ein weltweites Moratorium für den Tiefseebergbau und den Schutz von mindestens 30 Prozent der Ozeane bis 2030.
Noch hat die Bergbauindustrie nicht damit begonnen, den empfindlichen Boden der Tiefsee aufzureißen. Jetzt ist der Moment, eine Umweltkatastrophe zu verhindern, bevor sie eintritt. Wir werden die Daten und Erkenntnisse der Expedition nutzen, um diese außergewöhnlichen Ökosysteme ins Rampenlicht zu rücken und die Politik dazu zu bewegen, Meeresschutzgebiete einzurichten.Dr. Sandra Schöttner, Tiefseebiologin und leitende Wissenschaftlerin an Bord der Greenpeace Deep Arctic Expedition
Die Expedition will wissenschaftliche Erkenntnisse über die Vielfalt, die Verbreitung und die (ökologische) Vernetzung von am Meeresboden lebenden Tieren in der arktischen Tiefsee gewinnen. Im Fokus stehen gefährdete, seltene, endemische und noch nicht beschriebene Arten, die im Gebiet des Mittelatlantischen Rückens zwischen Norwegen und Grönland vorkommen. Die Daten können potenziell dazu beitragen, Meeresschutzgebiete in dieser Region einzurichten. Denn die Arktis ist eine Region der Erde, die sich besonders schnell durch die Klimakrise erhitzt und am wenigsten geschützt ist. Gleichzeitig wächst der Druck der Industrie auf die Politik, die Tiefsee als neue Rohstoffquelle auszubeuten. Schon längst tobt ein geopolitischer Machtkampf um die Arktis. Dabei gibt es noch viele offene Fragen rund um Ökosysteme in der Tiefsee.
Wissenschaftliches Team: Wissenschaftler:innen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (Deutschland), der Universität Uppsala (Schweden), des Nationalmuseums für Naturwissenschaften in Madrid (Spanien), der Universität Bergen (Norwegen), sowie Meeresbiologe und Tiefsee-Fotograf Solvin Zankl (Deutschland)
Pressefotos und Videomaterial (weiteres Material auf Anfrage)